Sonntag, 21. Juni 2015

[Das Wort zum Sonntag] I am home - but where's my heart?

Abenteuer erleben, fremde Kulturen aufsaugen und Notizzettel mit Worten in fremden Sprachen füllen, neue Menschen kennen lernen, sich verlieben... jeder will irgendwann mal weg, um die Welt zu entdecken. Und das Weggehen is ja auch relativ einfach - Urlaub nehmen, Flug buchen und weg... aber wie ist es mit dem Heimkommen?



Daheim ist erst einmal alles anders. Wenn man nicht aufpasst, fährt man versehentlich auf der linken Straßenseite und während man sich im Englischen noch beschwert hat, dass einem ständig die richtigen Worte fehlen, fallen sie einem plötzlich auf Deutsch nicht mehr ein. Und dann ist man natürlich auch der Exot, der Heimkehrer - mit spannenden Geschichten und einer beneidenswerten Bräune im Gepäck. Eine Woche werden Freunde und Bekannte besucht, Fotos ausgepackt und Geschichten erzählt. Doch der letzte Sand ist bald aus der Handtasche geschüttelt und die Anekdoten schmecken schal beim Erzählen, weil sie doch niemand so witzig findet, der eben nicht dabei war. Und dann... kommt der Alltag zurück. Mit einem gewaltigen Knall.

Man wirkt gefragt: "Hast du deinen neuen Arbeitsvertrag schon unterschrieben?" "Hast du eine Haftpflicht abgeschlossen?" "Wie kommst du denn am Wochenende zu Oma Inges Geburtstagsfeier?" "Datest du grade jemanden?"
Alles so banal. Und frustrierend - weil man in der alten Wohnung sitzt und die gleichen Wege zur Arbeit fährt und die Freitagabende in den gleichen Bars verbringt. So, als hätte sich nicht das Geringste verändert. Am liebsten würde man alle fragen, ob sie nicht merken, wie sehr man sich verändert hat. Unter den neuen Klamotten und unter der Bräune sind auch die Gedanken anders, die Erfahrungen, die man gemacht hat, die neuen Träume und Dinge, die einem jetzt wichtig sind

Und vergisst dabei schnell mal eines: Auch die anderen haben sich umso mehr verändert, je länger man weg war. Beziehungen sind zerbrochen oder neue enstanden, Jobs wurden gewechselt, neue Wohnungen bezogen. Das Leben ging weiter - ohne einen. Man fühlt sich nicht mehr wirklich zugehörig. Fehl am Platz. Man hat Geburtstagsfeiern verpasst. Und der besten Freundin keine Packung Ben & Jerry's vorbei gebracht, als es ihr nach der Trennung so richtig dreckig ging. Natürlich sagt sie, dass es nicht schlimm ist... aber irgendwie ist es das doch. Man ist verärgert. Ein bisschen verloren. So, als würde man zwar wieder in Deutschland sein, aber immer noch eine fremde Sprache sprechen. Zu Hause, aber doch nicht mehr daheim.

Also bucht man die nächste Reise.
Es heißt, wir haben Fernweh. Aber in Wahrheit tut es nur zu sehr weh, nicht mehr da ankommen zu können, wo wir mal hingehört haben. Und deswegen wollen wir wieder fort - um selbst zu bestimmen, wo und wann wir uns verloren fühlen und wo wir ankommen.


Hattet ihr nach dem Reisen auch schon mal das Gefühl, zwar zu Hause zu sein, 
aber irgendwie nicht so richtig daheim?


Edit:
Auf Arianes Blog Heldenwetter gibt es grade eine tolle Blogparade zu dem Thema, falls ihr mal dort vorbei hüpfen möchtet.
EN
At one point in their lives, everybody wants to go on an adventure, to experience new cultures, to write down words in a foreign language on a post-it or to get to know new people and fall in love with a stranger. And it’s easy to just leave – you take a holiday, book a flight and just go… but what’s happening once you come back home? 

Well, first of all, everything’s different at home. If you do not take care, you might be driving on the wrong side of the street and while you were explaining yourself that you can’t express yourself in English properly, you miss the right German words now. Oh, and of course you are the exotic traveler amongst your friends now. For a week, you visit your family and friends and you tell them about your adventures and they admire your tan and your photographs. Nevertheless, soon you don’t find any more sand in your shoes and socks and purses and the stories you tell don’t seem really funny when you tell them – because the people you talk to haven’t been there. And then, all of a sudden, daily rountine is back! 

Instead of asking you about your trip, people want to know: „Did you sign your contracts already?“ “Did you buy insurance?” “Can you drive us to grandma’s birthday party on Saturday?” „Are you seeing someone special at the moment?“ It seems all so ordinary. You sit in your same old flat, take the same way to work as always and spend the Fridays in the same old bars – just like nothing has changed while you’ve been away. Why can’t people see that you’ve changed? Under these new clothes and this nice tan, you have new thoughts, you made new experiences and you have different dreams and other things than before are important to you. 

But there’s one thing you forget too easily: The longer you’ve been away, the more your friends changed as well: there have been break-ups and new relationships, new jobs and apartments. Life has been going on without you and you feel like you don’t belong there anymore. You missed birthday parties and you haven’t been there to buy your best friend some Ben & Jerry’s after her break-up. She says it doesn’t mind… but it does. It makes you feel angry. And lost. It’s like you’re back in Germany but you’re still speaking a foreign language. You’re at home but your heart has not arrived there yet. 

So you just book your next trip. Because what they call wanderlust is not really the lust to wander – it’s more the hope to find a place where you can feel home again. You leave -  to have control again by desciding yourself in what place you want to feel lost and where you want to feel like you belong… even if it’s just for some time. 

11 Kommentare:

  1. Grad hab ich ein bisschen Gänsehaut bekommen. Bis eben wusste ich es nicht so richtig zu definieren was es ist, wenn ich wieder in Nürnberg bin, aber dein Text trifft es wie die Faust auf's Auge.
    Im Übrigen kannst du auch jederzeit mal gerne nach FFM fliehen. Nicht für ein Feierabendbier, aber wie sieht es aus mit einem Feierabendwochenende?

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  2. Ach je das blutet einem ja echt irgendwie das Herz wenn man das liest! Ich war nie so lange weg, aber ich kanns mir unglaublich gut vorstellen!!! Das reisst einen erstmal in die Tiefe! Gerade weil einen so eine Reise ja auch prägt und vielleicht vieles im Denken und Sein verändert. Und so dumm es klingt, aber in der Zwischenzeit nehmen eben andre mal kurzzeitig den Platz ein und dann kommt man sich komisch vor, wenn man bei gewissen Themen nicht mitreden kann obwohl man über die Personen doch eigentlich alles weiß. Naja stell ich mir zumindest so vor.

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    1. Ja, du hast grade mit dem Letzten total Recht. Man war halt irgendwie nicht live mit dabei und dann ziehen auf einmal Leute zusammen oder haben neue Partner und man kriegt gar nicht mehr die "ganze Geschichte" mit, weil die dann auch nicht noch mal haarklein erzählen, was alle anderen ja schon mitgekriegt haben und wie sich alles entwickelt hat. Dann muss man wirklich - so doof das klingt - neue gemeinsame Erinnerungen aufbauen. Seltsam, dass es aber nicht so ist, wenn man Freunde hat, die in Deutschland wild verteilt leben, sondern immer nur, wenn man wirklich im Ausland ist... vielleicht, weil man da nicht mal schnell anruft oder so? Keine Ahnung, aber es ist ein seltsames Jetlag-Gefühl...

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  3. Danke für diesen tollen Beitrag und für deine Teilnahme an der Parade! Ich finde deinen Text wirklich wunderschön, genau so ist das mit dem Heimkommen :) Vor allem den letzten Absatz musste ich direkt mehrmals lesen, toll geschrieben!

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    1. Danke fürs mit Aufnehmen, Ariane! Freut mich wirklich sehr, dass dir mein Text gefallen hat :)

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  4. "Es heißt, wir haben Fernweh. Aber in Wahrheit tut es nur zu sehr weh, nicht mehr da ankommen zu können, wo wir mal hingehört haben. Und deswegen wollen wir wieder fort - um selbst zu bestimmen, wo und wann wir uns verloren fühlen und wo wir ankommen."

    das ist sooo toll geschrieben, respekt!!! wirklich toller Beitrag, werde da auch mitmachen nur leider bin ich nicht so begabt was das schreiben angeht... aber mal sehen! Danke auch für deinen Kommentar :) ziemlich cool das du in Afrika warst! Leider geht bei mir das soundcloud ding aber nicht :/ und ja du hast recht, ist halt reggae angehaucht und somit auch afrikanisch/karibisch :D

    Liebe Grüße <3

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    1. Danke meine Liebe! Für mich gibt es keine schöneren Komplimente auls welche zu meinem Schreiben. Und dafür bewundere ich dein Gespür für Mode :)

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  5. Wunderschön geschrieben Kathi!
    Ich hoff du fühlst dich mittlerweile wieder 'angekommener' bei uns! :)

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    1. Danke! Bei dir doch immer, Mausi :)

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  6. Wow. Genau so hab ich mich gefühlt, als ich nach 6 Monaten in Frankreich zurück nach Deutschland gekommen bin. In der Zeit hatte sich meine Clique in zwei Teile getrennt, weil sich zwei Leute nicht mehr vertragen haben. Und jetzt? Jetzt haben alle wieder irgendwie zusammengefunden, nur ich, ich hab nur noch eine wirkliche Freundin. Die, mit der ich immer wieder in diesen 6 Monaten geskypet und geschrieben habe.

    "Es heißt, wir haben Fernweh. Aber in Wahrheit tut es nur zu sehr weh, nicht mehr da ankommen zu können, wo wir mal hingehört haben. Und deswegen wollen wir wieder fort - um selbst zu bestimmen, wo und wann wir uns verloren fühlen und wo wir ankommen."
    Das kann ich so unterschreiben. Ich muss dringend mal wieder wegfahren.

    Liebe Grüße :)

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    1. Ja, gerade mit Cliquen ist das wirklich immer schwierig. Am ist "ganz unten in der Nahrungskette" wie's ein Kumpel mal ausgedrückt hat. Aber ich kann dich beruhigen: Wenn man selbst ein wenig Einsatz bringt, kann es schon wieder werden :)
      Nur dieses Bedürfnis, weg zu wollen. Das bleibt einfach :D

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Ich freu mich über jeden Kommentar - ob Lob oder Kritik, schreibt mir einfach :)

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